Sonntag, 22. November 2009

Histolisches Update fuel alle






Es ist heiss. Wirklich, ehrlich. Da gibts vor allem den Pool, der erheitert und erfrischt, zumal wenn Sohn und Enkel von Sue und David zu Besuch kommen und sich sogar Jack Russell Fergus zu einem Leuteinswasserjagenundgegebenenfallsselbstnasswerden ueberreden laesst. Den Vogel abgeschossen hat allerdings Sally, eine chinesische "commerce"-Studentin, die wiederum eigentlich Meijue heisst und deren Englisch fast so heiter wie ihre Schwierigkeit mit der offensichtlich so ganz anderen Gesellschaft ist. David hatte sie als weniger brilliante, dafuer aber sehr nette Schuelerin im Unterricht und lud sie kurzerhand zum Sonntagsbrunch ein. Da war sie dann wohl froh, in mir eine weitere Auslaenderin zu treffen und als wir gemuetlich an unseren Eier nibbelten, warf sie flockig zur vollen Runde an mich gewandt ein: "Sele was wal in Gelmany. I do not know any of si histoly of sis. Can you tell me about si wal?". Nicht dass ich besondere Empfindlichkeiten zum Thema Deutschland und Nazis haette, was mir das Dotter im Halse stecken liess war vielmehr diese kuriose Idee, dass der zweite Weltkrieg das ideale smalltalk Einstiegsthema ist. Ich war fasziniert und konterte mit meinem brillianten Geschichtswissen: boeser Mann Hitler will die Welt regieren, das finden nicht alle andere Laender so wahnsinnig gut und bremsen ihn und die der Raserei verfallenen Deutschen ein wenig. Seither ist man bescheidener in Deutschland. Ob sie nun besser Bescheid weiss ueber si war? Nett war auch, wie sie in heller Verzweiflung ihren von uns Gesundheitsaposteln kredenzenten Karotten, Sellerie, Ingwer, Rote Beete Saft von einem Moebelstueck zum anderen manoevrierte. Trinken wollte sie das Gebraeu nicht, wie ich gleich ihrem entsetzten Gesicht entnehmen konnte. Die Arme, leicht hat sies nicht, in dieser wilden, fremden Kultur.
Ich hingegen kann nur wahre Lieder auf diesen Saft trinken. Er spendet Kraft und Freude und wir gehen hier durch Kilos an Moehrchen. Sehr, sehr gesund. So gut, dass mans gleich spuert.
Ich putze hier Silber, das dann leider nicht hinreichend glaenzt und fuehle mich ganz in deutschen Standards. Das ist immerhin gewohnt. Und gute Arbeit wird gelobt, ausserdem arbeiten wir hoechstens vier Stunden taeglich und haben dazu interessante Gesellschaft. Gestern fuhr ich im Boetchen nach Brisbane in die Kunstgalerie, was ich wunderbar entspannend fand. Ausserdem schaue ich ein klein wenig anders auf die Bilder und in die Welt seit ich selbst so gerne zeichne. Ein grosser Buchladen, billige Buntstifte und mein Herz lacht.
Da gibt es weiterhin diesen Job, lockere 26 Busstunden noerdlich von hier. Hier ist es, sorry, schweineheiss und ich will bloss noch in den Pool. Dabei sind wir noch nicht mal bei 40 Grad. Dort ist es nass, mit vielen Fliegen und um die fuenfzig Grad. Ich glaube, ich will diesen phantastischen Putz-Bar-Kuechenhilfsjob mit nahezu ausschliesslich dauerbesoffenem Publikum nicht. Noccundra hat gereicht. Einmal reicht fuer die Erfahrung. Ich muss mir auch nicht mehr beweisen, dass ich durchhalten kann in Bedingungen, die mir so gar nicht gefallen. Tiefer als zu den Tomaten muss ich nicht greifen. Mein selbstgemaltes Job Wanted! T- Shirt hat erste kleine Fruechte getragen. Auf dem Markt am Samstag wurde ich angesprochen, ob ich nicht einen Marktstand fuer einen Tag betreuen wollte. Schade, dass ich von dort nur mit einem Auto heimgekommen waere und das Angebot nicht annehmen konnte. Ich mag jedenfalls meine offensive Suche. Bin gespannt, was weiter passiert.
Und ha: meine Sklaventreiber haben gezahlt. 68,20 Dollar waren auf meinem Konto und ich triumphierte! Damit lebe ich als Wwoofer eine Woche. Mehr als ums Geld ging es mir aber darum, dass ich so fest der Ueberzeugung war, dass das laute Paar zwar nicht gerade zuckersuess, aber doch irgendwie fair ist und eben die Arbeiter bezahlt. Ich habe meine Formulare ausgefuellt und es wurde genau notiert, was wer pflueckte. Damit ist mein Vertrauen in mein Einschaetzungsvermoegen wieder hergestellt. Das ist wichtiger als die paar Kroeten.
Und da ist noch ein Gedanke. David arbeitet als TESOL Lehrer, das ist ein Lehrer fuer Englisch fuer Nichtenglischsprachler. Um das machen zu koennen, gilt es ein Zertifikat zu erwerben. Er hat dafuer einen vierwoechigen Kurs absolviert und 3000 Dollar bezahlt. Nun ist er als Springer an der Uni beschaeftigt, er koennte aber auch nach China oder Japan reisen, nach Thailand oder in die Emirate. Mittlerweile kann man dieses Zertifikat ab 150 Dollar mit einem 50 Stundenkurs online erwerben. Ob das wohl was fuer mich waere? Ich grueble. Lehrer im reichen Ausland wuerde bedeuten, ich wuerde das Geldspiel spielen. Bis dato nicht mein Ding. Ob mir das Spass machen wuerde? Ich denke noch ein Weilchen, ob das eine ernsthaft zu erwaegende Idee ist.

Donnerstag, 19. November 2009

Und nun mal schick



Nein, hier werden wir nicht immer mit „Dal“ (für Darling) gerufen, wie es Janine so charmant getan hat. Hier bläst sozusagen ein anderer Wind. Bei Sue und David Gough hat alles seinen Platz, nicht aber Schmutz und Staub und Chaos. Ein ziemlich schickes Haus, ein ausgesprochen sortierter Garten, nicht allzu viel Platz fürs Gemüse, aber doch einige Kräuter. Wir wurden vom verschmitzten,vollbärtigen David in Indooroopilly, einem Vorort von Brisbane abgeholt und hierher chauffiert. Sue hatte eines ihrer recht schicken Dinner in ihrer schicken Küche gekocht und wir plauderten launig. Arbeit ist ebenfalls recht klar, überanstrengen müssen wir uns aber sicher nicht. Mein Zimmer ist sozusagen romantisch, mit einer Blumentapete, ein paar Büchern und ein paar kleinen Gemälden. Beide mögen sie Kunst, kennen Künstler und Autoren. Fasziniert und vollständig glücklich bin ich in der Bibliothek, einem Durchgangszimmer mit Regalen, in denen aber weder mehr Bücher noch breitere Interessen Platz gefunden haben. Aber das ist doch eine gewissen Offenheit für verschiedene Ideen erkennbar. Schwarzer Humor, Buecher, die auch mal quergehen und sowas wie kritische Distanz. Ihr Leben ist nicht ganz im bürgerlichen Rahmen, auch wenn ich anfangs den Eindruck hatte, dass es doch sehr dicht daran schrammt. Sue unterrichtet kreatives Schreiben, hält aber mir gegenueber noch hübsch geheim, was sie da genau unterrichtet. David unterrichtet Englisch und hat jahrelang in der Forstwirtschaft, da aber wohl eher in der Planung und am Schreibtisch gearbeitet. Er hat im Garten einen Baum, den man bis vor fünf Jahren nur aus Fossilien kannte. Ein paar mutige Wanderer aber stiegen in einen Bach und entdeckten ihn dort und mit ihm noch 36 weitere. Nun werden sie freilich eifrig gezüchtet, diese schräge Pinienart. Verschroben und doch sehr sympathisch. Wie übrigens auch die zehn verschiedenen Bambusse, die er hier anbaut und die teils weit höher als das Haus wuchsen. Die Dinger sind offiziell Gräser und machen im Wind mehr als seltsame Schabegeräusche. Sue fällt nahezu in Ohnmacht, wenn sie sieht, wie ich durch den Garten pflüge. Was ich in drei Stunden ab sechs Uhr früh geschafft habe, hätte einem koreanischen Wwoofer über eine Woche gekostet. Und da war noch nicht mal was umgegraben. Man ist entzückt. Vor allem von der deutschen Reinlichkeit- nur deutsche Wwoofer dürfen die Bücherregale abstauben. Ganz anders also wieder als bei Janine, wo es nun wirklich nicht um übertriebene Exaktheiten ging. Die hat hier gleich angerufen und gesagt, dass sie, Perrine und Pipo ganz viel an uns denken und uns alles erdenklich Gute wünschen. Rolf und Robyn riefen an und wollten natürlich auch Details. Wie lieb wir umsorgt werden. Dabei waren die Erfahrungen so unterschiedlich und doch haben wir uns sehr gut eingefunden. Das ist ein grosser Bonus von Leo: er passt sich gut an.
Wir haben in der Zeitung einen Kochjob im Outback in der Nähe von Mt Isa gefunden, das ist lässige 26 Stunden Busfahrt nordwestlich von hier. Dort hat es fünfzig Grad und grässliche Stechfliegen, die Gegend ist als Saufgegend bekannt. Ich will da nicht hin. Meine Outbackerfahrung reicht mir. Ich habe mich für Putzjobs beworben, auf einer Insel mit Unterkunft, bei einer Familie mit Kinderbetreuung, am Flughafen und für ein Hotel mit Küche. Putzen eher nachts bei ca. 20 Dollar Stundenlohn. Das wäre nicht übel und für einen Monat durchaus auszuhalten.
Ich habe weiter sehr gut gewirtschaftet und in vierzig Tagen 400 Dollar verbraucht. Dabei fühle ich mich durchaus reich. Ich lebe mit viel Platz in einem Haus mit vielen Büchern, Internet und Pool, ich habe herrliches, gesundes Essen und auf meine Initiative hin gar weiter frisch gepresste Gemüsesäfte. Ich darf mit Sue zum Yoga und dieser Tage geht’s nach Brisbane in die Kunstgalerie und die Bibliothek, die sie mit aufgebaut hat und am Samstag zu einem wohl recht bekannten Markt. Das für ein bisschen pflanzen, kochen, abspülen und Rasen mähen. Wen kümmerts, dass die Dinge nicht mir gehören, wenn ich sie doch nutzen kann? Besitz und Geld stehen in einem anderen Licht für mich. Trotzdem suche ich freilich einen Job.
Sue arbeitet als freischaffende Journalistin und geht zu Theateraufführungen. Sie hat als Eheberater gearbeitet und gibt ihren Schreibunterricht. Da sehe ich sehr viele Parallelen zu mir. Angefangen hat sie bei einer Zeitung als Sekretärin und ist ohne Studium in all das hineingerutscht. Kreatives Schreiben hat sie erst 2008 mit einem Master abgeschlossen. Und auch wenn sie ihren ersten und soweit ich weiss einzigen Roman für Erwachsene 2001 veröffentlicht hat, so sieht sie sich doch klar als Schriftstellerin. Wie viel hängt davon ab, wie man sich selbst sieht. Erfolg und Kraft schweben aber doch über diesem Haus. Klarheit, Aufgeräumtheit. Wie überall gibt es hier eine schwierige Familie mit Selbstmord, Depression, Einsamkeit und Zurückgewiesenwerden. An irgendwas laborieren wir eben alle. Sie sagt, sie habe eine Gefühl, dass ich nochmal ein Buch veröffentlichen würde. Das würde sehr gut passen. Sie fragt mich, wie ich ich geworden bin mit meinen wilden literarischen Interessen und meiner nahezu Gier nach Wissen. Ich weiss es nicht. Neugier und das Vermeiden von Langeweile ist mein Motor.
Ich bin wie immer beeindruckt, wie sehr ich Einblick in andere Leben, Schlafzimmer, Vergangenheiten und Interessen kriege. Mir werden ständig ganze Leben präsentiert und das Vertrauen geschenkt, dass ich niemanden ausraube, was beim Wwoofen nur zu einfach wäre. Die Menschen haben Vertrauen und wollen das Gute. Wwoofen ist netter Austausch und im Grunde wird man umsorgt und durchgefüttert. Ich merke, ich werde leichter. Ich habe ein bisschen Gewicht verloren und ich gewinne Zutrauen. Ich habe die Panik nicht, dass mir das Geld ausgeht, ich keinen Job habe, nicht mehr weiterkomme. Wenn ich meine Energien gut einsetze, kommen die guten Dinge konsequent meines Wegs, so scheint es. Muss mich schon bemühen und organisieren und für mich und uns einstehen, aber dann wird doch wieder alles.
Ich habe auch einen weiteren Wwoofingplatz für uns gefunden, weiter südlich in Mt Tamborine, einer Nationalparkgegend, die alle als wunderschön bezeichnen. Dort werden Gemüse gepackt und zu Märkten gekarrt, eingeweckt und Vorträge über gutes Essen und ein gutes Leben gehalten. Klingt sinnvoll und gut und die wollen uns auch in zirka einer Woche. Solange wollen uns aber David und Sue noch behalten.
Gute Dinge: nach ein bisschen Zinnober via Anrufen und einer SMS haben meine türkischen Sklaventreiber mir meine sauerst verdienten 68,20 Dollar überwiesen. Das klingt nicht so mächtig, bei zehn Dollar Ausgaben pro Tag bringt es mich aber eine Woche durch. Viel wichtiger ist aber, dass ich meinen Glauben behalten habe. Ich war überzeugt, dass sie hart sind und schlecht zahlen, aber dass sie eben am Ende zahlen. Das hat gedauert, ist nun aber passiert und ich bin glücklich. Und das natürlich umso mehr, weil wir heute laufen und im Pool schwimmen waren, ich gezeichnet und geschrieben habe und mich für Jobs beworben. Ein ausgewogener Tag.
Auf dem Bett liegt ein neuer Hund, der Jack Russell Fergus, der immer Gesellschaft mag, liebend gern mit seinen kleinen Zähnchen rauft und so gerne mit uns zusammen ist, dass er gar mit uns laufen ging, auch wenn ihn das an seine konditionellen Grenzen brachte.
Alles machbar -schreiben, lehren, unabhaengig sein- wenn man nur weiss, was man will. Ich hoffe, dem komme ich nah und naeher. Ich fühle mich jedenfalls rundum sehr wohl, sehr ausgeglichen, körperlich und geistig. Ist schon ziemlich viel. Ich sehe, aus welchen Bausteinchen andere Leute ein Leben bauen. Keine Hexerei und dem meinen in so vielem aehnlich.

Mittwoch, 18. November 2009

Anpassen und nicht verbiegen






Die verwunschene Kamera funktioniert wieder! In Bundaberg kam ich in eine kleine Plauderei mit einem älteren Ehepaar. John und Patricia sind im Ruhestand und erholen sich von ihren Zitrusfrüchten, die sie anbauten. Sie luden mich prompt zu sich auf einen Tee mit Scones, den kleinen englischen semmelartigen Süssdingern ein, ich durfte ihren wilden Dackel beim Fussballspielen bewundern und wir checkten die Kameralage im Netz. Ein paar wilde Warnungen über die vermeintliche Unreparierbarkeit später und die Ankündigung, dass eine Reparatur teurer als die ganze Kamera ist, sassen wir da mit Uhrmacherschraubenziehern und einem Fön zum Herausblasen des das Getriebe hemmenden Sandes. Ein bisschen rohe Gewalt, das Objektiv in die Kamera gedrückt, ein paar mal ordentlich geschüttelt und schon geht wieder alles. War ein netter kleiner Ausflug zu den beiden.

Nach wilden Zuneigungsbeteuerungen von Rolf und Robyn und dem Versprechen, von sich hören zu lassen, gings auf zu Anne, der Frau, zu der ich in der Noosagegend gehen wollte. Das war wieder mal... anders. Aber von vorn. Erst kam Robyns Familie mit vier Kindern zwischen zwei und zehn angerückt und ich war zum Kinderherumwerfer und Spassvogel umfunktioniert, was auch mal wieder lustig war. Am Bahnhof tauchte Leo einigermassen abgerissen auf und wollte am Freitag mit mir nach Cooroy fahren, wo mich Anne abholen sollte. Er war dort freilich nicht angemeldet und ich daher, unter anderem, etwas zögerlich. Dennoch fuhr er mit, dennoch wurden wir abgeholt, wenn Anne Leo auch nicht als Wwoofer annahm, ihn in der Waschküche einquartierte und er für sein Essen zahlen sollte. Das war in Ordnung. Etwas schräg war dann aber, dass ich meinen Rucksack in der Garage lassen sollte, anstatt ihn in meinem recht grossen Raum zu deponieren. Dann sassen wir auf der Veranda, blickten auf ihre Pferde und ihren Poolreiniger und hörten uns ein Lamento über die Knappheit ihrer Finanzen an und dass wir daher nur Scheibletten und billigen Toast essen könnten. Aber sie fuhr mit ihrem schicken Jeep zu ihrem zirka 200 m entfernten Briefkasten. Als ich Leo, der wirklich fix und fertig war, ein Sandwich in die Waschküche bringen wollte, rannte sie mir nach, das käme ja nun gar nicht in die Tüte, gegessen werde am Tisch. Am Abend gings zu ihrem Bruder, ein netter Klavierrestaurateur und -stimmer Ende siebzig. Ich hatte mein Skizzenbuch verlegt und war etwas in Sorge, was sie dazu brachte mich anzufahren, dass sie eine Verabredung einzuhalten habe und was mir denn einfiele, jetzt noch auf der Veranda nach meinem Buch zu schauen. Mir derartige Töne anzuhören, bin ich wohl ein bisschen zu alt und passe ein bisschen zu gut auf mein Wohlbefinden auf. Als ich am nächsten Morgen für Leo nach einem neuen Wwoofingplatz schaute, organisierte ich für uns beide. Ich rief Janine an, deren Eintrag im Wwoofingbuch wirklich sehr nett klang.
Ein Anruf zeigte, dass sie zwar schon zwei Wwoofer hatte, ein französisches Paar, aber wir waren dann doch gleich herzlich willkommen und sie holte uns direkt bei Anne ab. Die war ordentlich verstimmt, meinte, sie hätte im Gegenzug für ihre Gastfreundschaft gar nichts erhalten, so dass wir ihr fünf Dollar hinterliessen. Es fällt mir nicht ganz leicht, zu gehen und sozusagen meinen Mann zu stehen, wenn es mir nicht passt. Aber mir war klar, dass es dort einiges an Ärger geben würde. Anne war frustriert, hatte sie ihr Mann doch für eine Jüngere verlassen. Ich glaube, sie trank und es könnten auch noch andere Dinge im Spiel sein. Sie wollte jemanden, dem sie sagen kann, wo es lang geht und hören, wie schlecht die Welt ist. Beides funktioniert aber nun leider mit mir nicht so gut.
Bei Janine war es wieder ganz anders. Sie wohnt an einem Hang in einem sehr hübschen Haus mit viel Holz. Unter ihrem Haus grasen die Llamas, das Pferd und die Kuh, rennen die Hühner, Gänse und Enten herum. In ihrem Haus wuseln die sechs Hunde und abends taucht eine Katze auf. Es gibt frische Milch, die nach den glücklichen Zeiten mit meiner Oma auf dem Bauernhof schmeckt. Sie hat momentan Finanzsorgen, das heisst aber nicht, dass die Wwoofer hungern. Arbeit ist nicht recht geregelt wie bei Rolf und Robyn, wo wir eine tägliche Schicht von acht bis zwölf hatten. Hier wird ein bisschen nach gusto gewurschtelt. Ich bin mit einem festen Plan motivierter, ist mir doch eher klar, wann ich frei habe. Janine hat eine dunkle Kindheit hinter sich und knabbert noch daran. Sie ist eine spannende Person, die die Welt für einige Jahre bereist, als Lehrerin gearbeitet, Astrologie und Gestalttherapie studiert hat, wenn sie auch nicht an ersteres glaubt. Ausserdem zeichnet sie wunderbar und hat eine beachtliche Sammlung ihrer Werke. Sie hat mich auf grössere Formate und viel Spass mit Kugelschreibern gebracht. Unsere Arbeit war im Haushalt, aber wir waren auch mit kleinen Baujobs beschäftigt, befestigten Latten und reparierten den Hühnerstall, räumten auf, melkten Jetty, die Kuh und wässerten mit Eimerchen die vertrocknenden Bäumchen. Es ist wirklich sehr trocken hier, wir spülen das Klo mit Wasser aus einem künstlich angelegten Teich und duschen ist eher ein Abwaschen in ebendiesem Teich oder aber am Strand unter einer richtigen, kalten Dusche, die das Gefühl von wahrem Luxus vermittelt. Janine ist interessante, aber auch fordernde Gesellschaft. Momentan fühlt sie sich nicht im Stande zu arbeiten, vieles aus ihrer Vergangenheit überwältigt sie. Zudem hat sie das von Moskitos übertragene Rossfieber, das sie manchmal sehr müde werden und ihre Gelenke anschwellen lässt. Als wir einen ganzen Vormittag zusammensassen, um über Möglichkeiten an Geld zu kommen, zu sprechen, endete das in einer grossen Therapiesitzung. Perrine, die nette französische Wwooferin sass dabei und erzählte ebenfalls lang von ihrer verkorksten Kindheit. Puh, da frag ich mich, ob ich wirklich gern Therapeut wäre. Ich war nach drei Stunden vollständig durch den Wind und sehnte mich nach körperlicher Ertüchtigung. Das Kuhmelken bietet das ausreichend, bin ich doch mit meinem Metalleimerchen emsig beschäftigt, Jetty mit ruhigem Zureden und Streicheln, Heu und Futter bei Laune zu halten. Wenn es ihr passt, spaziert sie weiter und das mit Vorliebe in meinen Eimer, den ich dann schnell unter ihr wegziehen muss. Ausserdem drohen Krämpfe in Beinen beim Niederhocken und in den Händen vom Melken. Macht trotzdem Spass. Dann noch ein paar Zecken aus ihrem Fell gezogen und alles ist gut. Die Llamas und das Pferd kriegen ihr Heu, die Hühner ihr Futter und Wasser und die Tiersitzung ist beendet. Vollständig hingerissen bin ich von den drei kleinen graubraunen Windhunden Dios, Bosa und Aria. Sie haben gleich Katzen ihren eigenen Kopf, sind keine winzigen Schosshündchen, aber sicher nicht monströs und einfach herzig und sehr streichelbedürftig. So einen hätte ich wirklich zu gerne.
Rolf und Robyn kamen zu Besuch, da sie auf dem Weg gen Süden waren und brachten Bananen vorbei. Rolf benahm sich ziemlich daneben, trat in Janines Haus ein und tat gleich lautstark kund, dass ihm ihre Zeichnungen nicht gefallen. Dann sagte er auch gleich, dass ihm die Aubergine auf seinem Sandwich nicht passt und Janine reagierte einigermassen gereizt. Ich fühlte mich zwischen den Stühlen. Einerseits kann ich nichts dafür, wie er sich verhält, andererseits habe ich ihn sozusagen eingeladen. Und da nun Janine momentan nicht ganz auf der Höhe ist, nahm sie das für den kompletten nächsten Tag so mit, dass wir, wenn wir sie überhaupt sahen, sie sehr, sehr schlechter Dinge war. Da stelle ich wieder mal fest, wieviel Sensiblität es doch braucht, wenn man durchs Wwoofen für eine Weile ins Leben anderer Leute einsteigt. Die Anpassung, die bei Rolf und Robyn gut klappte, ist hier eine ganz andere. Kein wildes Christentum, kein geregelter Tag, Hunde im Bett und ein ganz anderer Umgang. Sie kennt und mag Kunst und klassische Musik und die Gespräche gehen eher darüber und nicht über den Glauben oder gesunde Ernährung. Janine mag bunte Farben und flucht schon mal. Wir waren in einem alternativen indischen Cafe und hörten Klarinette und Trommel, was auch mal eine nette Abwechslung war. Janine fühlte sich inspiriert durch unsere abendlichen Zweierunterhaltungen und meinte, ich könnte sie wohl wieder auf den Pfad bringen, so dass sie ihr Leben wieder richtig im Griff hätte. Ich hätte es sogar geschafft, sie zum Brettspielen zu motivieren, das sei ihr vorher nie passiert, das sei eine wahre Gabe. Ich schmunzelte und freute mich. Sie ist gelangweilt- keine Kunst, keine allzu spannenden Leute in der Umgebung. Nur die Wwoofer und die sind so bald wieder fort.
Ich war begeistert davon, selbst Joghurt und Butter mit der frischen Kuhmilch zu machen. Beides schmeckte wunderbar, viel besser als aus dem Laden, wo man fuer 500g Joghurt schon mal fuenf Dollar hinblaettert. Ueberhaupt hat dieses Bioleben nachhaltige Auswirkungen auf mich. Wie lecker ist das Essen und wie schoen ist es, eigene Dinge anzubauen und zu ernten. Ich habe wirklich einen ganz anderen Bezug zu meiner Nahrung. Da denke ich auch wieder daran, wie gut doch das Wwoofen ist: ich fuehle mich richtig reich. Ich lebe in spannenden Umgebungen mit allerlei interessanten Leuten, esse bestes Essen und zahle mit ein paar Stuendchen Garten- oder Hausarbeit. Ne, da kann ich nicht meckern. Man darf halt nicht zu heikel und etepetete sein, sonst ist es schwierig, zwischen die Kakerlaken zu kriechen, Schlangen in der Garage zu treffen und auch mal ein nicht ganz so wunderbares Mittagessen zu verschmausen- wenn das auch extrem selten ist. Im Gegenteil nehme ich haufenweise Inspiration fuer neues Essen mit. Seit der Zeit in Bundaberg bin ich vollstaendig ueberzeugt, dass rohe Mahlzeiten ausgezeichnet sind. Lecker, gesund und gut zuzubereiten. Mit den richtigen Sossen und Kombinationen und vor allem mit Gemuesesaeften huepfe ich durch den Tag vor Energie. Und nebenher koennte ich gar noch ein bisschen leichter werden, was ja nun auch kein Schaden waere. Mehr davon! Ich will auch eine Kuh und Huehner und Windhunde!
Am 12., Leos Geburtstag, wurden wir ins schicke Noosa chauffiert, wo sie händeringend Köche suchen. In einem sehr versnobbten italienischen Restaurant gingen wir zu einem eisekalten Jobinterview. Leo reizte der Job, doch redete ich ihm zu, sich nicht wieder in eine solche Hölle zu begeben, mit der er wirklich nicht gut umgehen kann und Geld und Gesundheit riskiert. Der Strand in Noosa ist wunderbar, das Meer klar und die Wellen ein echtes Vergnügen, wenn auch leider zu klein zum ordentlichen Surfen an diesem Tag.
Meine türkischen Tomatensklaventreiber haben nicht gezahlt, was mich richtig ärgert. Nie habe ich ein paar Kröten härter verdient und nun werden sie mir nicht mal überwiesen. Abhilfestrategien bis dato: ein Anruf und eine SMS mit der Drohung mit Rechten, aber vor allem den Freunden, die sie besuchen kämen und meiner Rückkehr. So richtig viel lässt sich wohl nicht machen.
Beim Blättern durch Selbsthilfebücher und Astroweisheiten kam mir die Idee zu einem Selbsthilfebuch der humorigen und unesoterischen Sorte. Ein wachsender Markt, auch wenn der Buchmarkt allgemein momentan ein wenig leidet. Ich grüble und konstruiere. Man wird sehen.
Nach der Woche bei Janine ging es wie so oft ans Ausmisten. Oh Wunder- mein Problem ist meine Bibliothek, die momentan aus 22 Büchern besteht, Reiseführer und Wwoofingbuch eingeschlossen. Meine Klamotten halte ich im Zaum, jedes zerfallende T-Shirt- und das geht schnell, bei soviel Tragen, körperlicher Arbeit und Sonne- wird durch ein neues im Op-Shop ersetzt. Gestern liess ich mich gar zu einem Sommerkleid hinreissen, das allgemeinen Anklang fand und unglaublich luftig ist. Was für ein Vergnügen bei dieser unfassbaren Hitze von 36 Grad im Schatten. Miste ich daheim alle paar Monate aus, wird das hier zur Routine und meine Einstellung zu Dingen ändert sich sukzessive. Netter Schnickschnack muss wirklich winzig sein, um weiter mitgeschleppt zu werden. Meine echte Neuseelandpauamuschel, Blossom the Powerpuff und das wars dann. Bücher werden gelesen und weitergegeben, getauscht oder mit der warmen Jacke heimgeschickt. Die Dinge halten mich nicht zurück, so wie ich es befürchtet habe, bevor ich auf Reisen ging. Und es findet sich doch immer wieder alles Nötige und noch viel mehr in den Häusern unserer Gastgeber.
Am Montag ging es weiter gen Brisbane zu David und Sue. Darauf freute ich mich sehr. Ich erwartete eine organisierte, tendenziell schickere Umgebung und warmherzige Leute. Und genau das habe ich auch vorgefunden. Mehr dazu in der nächsten Soapfolge!

Samstag, 31. Oktober 2009

Eine Woche Leben als Sklave






Nun haben sich die Dinge doch entwickelt. Zweimal sass ich in der Früh um sechs vor dem zwei Kilometer entfernten Tomatenfeld, bewunderte die Vögel (Kookuburra, Fantails und bunte Lorrikeets), las meine Russellbiographie und schrieb mein Tagebuch, aber keine Pflücker weit und breit. Am dritten Tag rückten sie dann an und ich wurde vom Türken Mehmet zum Erscheinen am Tag darauf befohlen- you come tumurra, you work. Wie später üblich schreiend, im Befehlston. Seine Frau teilt sich mit ihm den Schreiposten und man hört durch die Walkietalkies, die sie tragen ständig den jeweils anderen auf türkisch schreien, was zu gleichen Reaktionen und unwirscher Mine führt. Ich habe beschlossen, das lustig zu finden, ich glaube, die Herrschaften sind hart, aber gerecht. Hart ist der Job vor allem für den Rücken. Normalerweise geht’s um fünf in der Früh los, was mich nicht weiter stört, bin ich doch eh immer früh auf. Dann wird höchstens bis neun gepflückt. Jeder Eimer wird mit einem Dollar fünfzig nach der Steuer satt belohnt und ich komme im Schnitt auf fünfzehn Dollar am Tag. Würde ich nicht nur das Reifenprofil des geliehenen Fahrrads abfahren, wärs das Ganze freilich nicht wert. Zumal danach mein Rücken schmerzt und ich mir doch recht sicher bin, dass das der unangenehmste Job und am schlechtesten bezahlte Job ist, den ich je hatte. Da kommt kein Fliessband und keine Wäscherei ran und ganz sicher nicht die Müllhalde oder gar die Äpfel beim netten Peter in Neuseeland. Zudem gibt es auch noch Untersklaventreiber, die einem nachrennen, wenn man eine Tomate nicht pflückt oder zuviel grün oder rot im zirka zwanzig Kilo schweren Eimer hat. Den schleift man vor oder hinter sich her, die Reihen entlang, in gebückter Haltung und streift mit der anderen Hand Blätter zur Seite auf der Suche nach Tomaten. Die perfiden Dinger sind meist unter anderen grünen Tomaten und reifen nicht an der Sonne, sondern gut eingehüllt, was oft zu Pfrimeleien führt. Die Tomaten sind fast alle am Boden, so dass man sich komplett vornüber beugt. Rote Tomaten sind tabu, man pflückt nur grünes Zeug mit einem winzigen Farbansatz. Viel Gift aussenrum, die Haut juckt ein wenig durch die Handschuhe. Einen Tag pflückten wir Zucchini, die verkratzen einen auch noch am Handgelenk und meine Chefin meinte, ich hätte keine Augen im Kopf und die Brille sei wohl nutzlos, da ich ein paar Zucchini zu Beginn übersah. Meine Mitpflücker sind fast alle Asiaten, die wenig zu einem Plausch oder einem Morgengruss aufgelegt sind. Sie mögen etwas schneller sein als ich, aber richtig Geld machen können sie auch nicht, müssen sie doch Essen und Unterkunft auf dem Zeltplatz zahlen. You can earn good money, schreien die türkischen Treiber aber trotzdem als eine Art Mantra. Wenig glücklich fand ich die Entscheidung, ihren Sohn heute mit aufs Feld zu bringen und ihm die Sklaventreibermethoden beizubringen. Sie mögen ja glauben, dass man die Asiaten derart antreiben muss, für einen zehnjährigen Buben vermittelt das aber doch einen sehr schrägen Eindruck. Ich Chef, also Du nix. So geht man nicht mit Menschen um. Sein Versuch, mir mit einer übersehenen Tomate seine Überlegenheit zu demonstrieren, scheiterte ein bisschen daran, dass ich seine „girl,girl!“ Rufe ignorierte. Meine Chefin drohte wie üblich mit dem Boss- if you do miss tomato and big boss see, you out! Mit big boss hatte ich ein munteres Schwätzchen, als ich ihn zufällig auf dem Feld traf, er fand das sehr amüsant. All dies gibt Anlass zu allerhand netten Autoritätsstudien. Gottlob bin ich auf Derartiges nicht angewiesen. Aber ich fand es sehr spannend, einmal im wahrsten Sinne ganz unten zu werkeln. Ich hoffe, meine paar Dollar werden mir überwiesen. Den Job verbuche ich in jedem Fall unter drastische Erfahrung. Wie fühlt man sich, wenn man nicht als Mensch, sondern nur als Pflücknummer behandelt wird? Das ist das Aufregende am Reisen- jeden Tag ein bisschen wie eine neue Identität, wenn ich das will.

Eine Woche Tomaten und Zucchini ist jedenfalls genug für meinen Stoff zum Nachdenken und auch für mehr als die Fahrt nach Noosa. Zudem bin ich nach dem Job sehr motiviert, mich um andere Dinge zu kümmern, wie z.B. meine journalistischen Artikel und neue wilde Ideen. Am Donnerstag reise ich ab und werde nicht von meinem wilden Yogakommunenmann, sondern von der 68-jährigen Holländerin Anne vom Zug abgeholt. Sie hat Pferde und mag Gesellschaft. In der Nähe, erreichbar mit dem Bus, ist der Noosastrand zum Surfen und auch der berühmte, wohl riesige Markt von Eumundi. Dort gibt es auch Kunstgalerien. Am 16. November bin ich bei David und Sue. Er ist Lehrer für Englisch und wissenschaftlicher Berater (was auch immer das genau heisst finde ich raus), sie Romanautorin und Lehrer für kreatives Schreiben. Eine faszinierende Mischung, zudem scheinen sie sehr nett, geradlinig und vermutlich sehr zuverlässig. Ich freue mich sehr auf sie, habe ich doch schon als wir in Brisbane waren, versucht zu ihnen zu kommen.
Was Leo macht, ist mir nicht ganz klar, ich vermute, er wird weiter arbeiten. Ich werde sehen. Manchmal denke ich, es war sowas wie meine Aufgabe, ihm ein wenig zu helfen, ihn zu unterstützen, ihm Kraft, Motivation und Zuversicht zu geben. Nun ist er ganz selbständig zu seiner Arbeit aufgebrochen und muss sich ein wenig allein weiter durchbeissen.

Da gäbs dann auch noch Colin, der auf einem Boot lebt und Häuser anstreicht. Er nimmt Wwoofer und lässt sie gar streichen, womit er sein Geld verdient und der Wwoofer dann auch. Das wäre gar nicht dumm, allerdings ist er drei Stunden südlich von Sydney in Yass und damit sehr weit von mir entfernt.

Robyn betet hier für Regen. Im Kalender haben wir gesehen, dass es volle fünf Monate nicht geregnet hat und die Mango und Zitrusbäume werfen die Früchte ab und lassen die Blätter hängen. Traurig ist das und ich hoffe sehr, dass es bald regnet. Dieses Klima hier ist doch ganz bedeutend anders als das von mir gewohnte in Regensburg. Trockenheit und Hitze- das habe ich mit Australien verbunden, es aber nur partiell angetroffen. Bis jetzt...

Meine Finanzsituation sehe ich unter dem sportlichen Aspekt: ein bisschen was einheimsen, fast nichts ausgeben. Ich organisiere viel und bin damit auch zufrieden. Mir fehlt es an nichts. Da ist Bildung durch die Menschen, die Natur und die Büchereibücher. Und da ist feinstes Essen beim Wwoofen und ein kuschliges Bett. Von meinen 2500 Noccundradollars sind mir noch 1200 geblieben, das ist doch schon mal was. Ich bin sicher, dass ich mittlerweile exzellent wirtschaften kann. Ich male mir ein T-Shirt mit „Job wanted“ und gucke, wie die Leute reagieren und ich werde mich in die Strasse stellen und testen, wie es sich anfühlt, Teil der „free hugs“ Leute zu sein. Kostenlose Umarmungen auf der Strasse anzubieten fordert meinen Mut. Könnte ein echtes Erlebnis werden, sicher der ungefährlichen Art, aber doch sozial exponiert und daher jenseits der Komfortzone.

Rolf hätte mich sicher gern noch ein Weilchen behalten. Da Robyn als Krankenschwester meist arbeitet, ist er hier viel allein und hat sich so an meine Gesellschaft gewöhnt, dass er schon meinte, man könnte mich vielleicht als weitere Tochter aufnehmen, wie das schon mit anderen Wwoofern geschehen sei. Sehr lieb, wirklich, ich fühle mich hier recht behaglich und daheim, auch wenn wir in einigem, vor allem den Glaubensdingen, nicht ganz einer Meinung sind. Robyn ist sehr liebenswert mit ihrer speziellen Art mit Tieren. Sie fing einen Chickenhawk mit blossen Händen und scheint mir so etwas wie ein Pferdeflüsterer. Sie scheint die Tiere zu verstehen. Sie ist geradlinig, burschikos und auch spitzbübisch. Ich mag sie sehr. Und ich verlasse Barbara, meine Kunstlehrerin. Und mit ihr die Schüler Ron, der seinen Parkinson mit Malen in Griff bekam und Allan, der immer scherzt, ich sei zu gut und er frustriert ob meienr Anwesenheit. Da war ich doch bei einigen Malstunden. Das letzte Mal wollte sie mich davon abhalten, ein Rembrandtselbstporträt abzuzeichnen, da es ihr zu düster schien. Sie meinte, ich wolle doch wohl Kunstwerke produzieren, die die Menschen segnen und nichts so dunkles. Äh, nein. Ich will das volle Leben, nicht nur die netten kleinen Anne Geddes Babies, heidipu! Dann doch lieber Picasso: Paintings are not done to decorate apartments, they are weapons of war. Und so zeichne ich dunkel und wild, momentan um die Zeit des Symbolismus herum mit Wrubel, Kubin und anderen wilden mit Dämonen und nicht ganz braven Sexanspielungen. Mit Robyn ging ich gestern im Busch spazieren zu einem dunklen Wasserloch, das ich fotografierte. Sie scherzte, ich solle das bleiben lassen, das würde mich nicht segnen, das dunkle Wasserloch. Ein Foto und die Kamera mag nicht mehr, Sand im Objektiv, würde ich schätzen, fährt nicht mehr rein und die Kamera tut nix mehr. Da hilft nur Weihwasser, vermute ich.

Ein Jahr bin ich nun bald unterwegs und ich schaue schon mal zurück. Viele richtige gute Erfahrungen waren da dabei. Insgesamt bin ich bestimmt die Alte, ein bisschen mehr eingefahren in meiner no Schickimickieinstellung, ein bisschen gelassener, ein bisschen fokussierter vielleicht. Die Natur und die Tiere sind mir nun noch näher. Ich bin vielleicht auch etwas weniger an Intellektuellem orientiert. So richtig werde ich erst sehen, wie ich mich verändert habe, wenn ich wieder in Regensburg und bei Euch lieben Freunden bin. Ich freu mich schon auf eine ordentliche Party mit Euch! Die Idee nach all meiner „theoretischen Erziehung“ eine praktische draufzusetzen scheint jedenfalls voll gelungen und ich bin sehr froh über meine bunte Zeit hier. Oh, ich fürchte, da werden noch mehr Reflexionen dieser Art kommen. Auf bald!

Samstag, 24. Oktober 2009

Wildlife, innen und aussen

Es hat ein bisschen was Verhextes in Bundaberg. Leo und ich passten am Wochenende auf Haus und Tiere auf. Auf den Hund Pearly jedoch offenbar nicht gut genug. Sie ist noch nie abgehauen, ist nun aber schon seit einer Woche verschwunden. Robyn erzählte mir davon, der Herr habe ihr gewispert, sie solle die Hunde einsperren, wenn sie wegfahren, aber nein, sie war ungehorsam und nun ist Pearly fort, die fröhliche, liebe Teenagerhundine. Ich joggte unseren Joggingrunden ab, ging durch den Busch, plauderte mit weit entfernten Nachbar- keine Pearly. Traurig sind wir alle ein wenig, am meisten wohl Lizzy, ihre Mutter und Spielgefährtin, die in der Früh kein Begrüssungsheulen mehr anstimmt.
Was hab ich nicht alles versucht, um in diesem als Arbeiterstädtchen bekannten Ort, Arbeit zu finden: Bekannte von Rolf antelefoniert, mit den Leuten von Jobagenturen, Arbeitshostels und sogar im Touribüro geredet, als Küchenhilfe beworben, die Bauern in der Gegend abgeradelt. Rolfs Bekannte Luisa führte zu einem weiterem Pflückerjob. Das hiess, um halb vier aufstehen und in die Stadt fahren (20 km), von dort in der Kolonne weitere 20km in die andere Richtung. Dann ein paar Eimerchen Tomaten gepflückt- ich wieder mal gewissenhaft nur die reifen und damit 6 Eimer, Leo zwölf,zu je 1,75 Dollar, aber alles, was ihm unterkam- und dann wars das auch schon nach eineinhalb Stunden. Man solle doch am nächsten Donnerstag nach drei Tagen Pause wieder erscheinen. Wir haben die Benzinkosten für Robyns Auto verdient, aber es scheint unmöglich, meine Bankdaten zu speichern. Zum dritten Mal wurde ich danach gefragt und nun sollte ich die Herrschaften gar in der Stadt treffen. Ach, ich vermisse meine Äpfel und Peter, das war mal sinnvolles, geordnetes Arbeiten! Aber ich bin ja nun nicht die, die aufgibt. Und morgen radle ich zu einem Tomatenfeld in der Nähe. Vielleicht lassen sie mich ein paar Tage pflücken. Und wenn ich nur zwanzig Dollar täglich verdiene, so hab ich doch nix verloren und muss nicht allzu früh auf.
Leo hat einen Job als Koch eine gute halbe Autostunde von hier angenommen und ist nun in einem winzigen Örtchen am Meer.
Ich wollte gen Süden reisen, Richtung Noosa, wo man so wunderbar surfen können soll. Dort habe ich auch einen Wwoofinggastgeber ausfindig gemacht, der mich vollständig zulaberte, als ich ihn anrief und er erfuhr, dass ich Philosophie studiert habe. Er scheint da auf einen Quacksalber gestossen zu sein, der ein paar Philosophen zitiert hat und nun sei sein Weltbild vollständig durcheinander. Meine Aufgabe bei ihm wäre dann zu philosophieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht an analytische Philosophie dachte. Ich sollte schon dort sein, er mich vom Zug abholen, aber seltsamerweise hat er meine Ankunft nicht bestätigt und so bin ich immer noch hier. Heute war Auktionstag in der Nähe. Versteigert wird Plunder und Wertvolles aller Grössen vom Porzellanpüppchen bis zum Traktor, der Auktionator schreit sich den Hals wund und es ist insgesamt ein wahrlich heiter Treiben, wenn eine Menschentraube von Objekt zu Objekt tippelt. Robyn schlug mächtig zu, erwarb einen ganzen Tisch mit Figuren, die weitgehend hässlich und sicherlich vollständig nutzlos sind und nun ihr hübsches kleines Häuschen im Garten zustellen. Rolf schüttelt den Kopf und weiss nicht, warum sie immer wieder scheunenweise Zeug kauft, das dann nur dem Schimmel und den Mäusen überlassen wird. Er erwarb einen Laptop und einen alten Computer- weiss der Himmel, ob sie funktionieren. Windows war nun leider nicht dabei. Ausserdem kauften sie haufenweise Holz für den Boden der Veranda. Das geölte Holz luden wir mit vereinten Kräften auf den Anhänger, von wo es einen Kilometer später auf die Strasse rutschte. Immerhin ist nichts passiert und irgendwie war es doch recht heiter. Nur den Vorschlag, ich sollte auf dem Holz sitzen, so dass es nicht mehr rutsche, konnte ich nicht ganz gutheissen.
Wir verstehen uns gut, wenn mir auch dieses fanatische Christentum bisweilen auf den Nerv geht.. Da erzählt er mir immer, dass ihn ausser der Bibel nichts interessiert und alle Philosophen nutzlos sind, weil sie sich auf den menschlichen Verstand stützen, der närrisch sei. Was Besseres als seinen menschlichen Verstand hat er aber auch nicht, um seine Bibel zu lesen, vermute ich. Ich bin geneigt, die Gemeinsamkeiten zu betonen und so reden wir über gesunde Ernährung und Verrücktheiten anderer Menschen und verschweigen die eigenen und besonders die des Gegenübers. Ein kleiner Triumph ist, dass er mittlerweile einsieht, dass ich genauso gut wie ein Mann bin. Dachte er doch zuerst, ich könnte ihm keinen Graben für sein Giesswasser ausheben oder ihm beim Holzladen und Befestigen helfen. Ich steige auf und darf nun gar die Terrasse mit verlegen, nachdem er sich von seinem Vorurteil der Nutzlosigkeit aller weiblichen Wesen in praktischen Dingen getrennt hat.
Ich habe genug gemalt, geschrieben und gelesen hier. Wenn auch die Bücherei weiter sehr verlockend ist: da gibt es z.B. Ray Monks Russellbiographie, Filme, die ich im Kino verpasst habe, herrliche Kunstbände und die unterhaltsame Zeitschrift „Psychology today“. Ausserdem konnte ich mit dem Hagen- und dem Emersonquartett mit Dvorak, Debussy und Ravel endlich mal wieder meinen Player auffrischen. Es fehlt also an nichts, aber ich will trotzdem noch mehr hier sehen als Bundaberg und Umgebung. Die nächsten Tage wirds hoffentlich mit Noosa und dem Yogaphilosophen klappen und danach zu meiner Autorin und ihrem Englischlehrergatten in der Gegend um Brisbane. Auf die beiden freue ich mich besonders, machen sie doch beide was, was mir sehr am Herzen liegt.
Deroweil weiter Faszination wildlife mit der braunen Giftschlange im Garten und dem eineinhalbmeter langen krokodilähnlichen Goana im Baum und der Tarantel an der Plumpsklotür. Immer schön locker bleiben...

Samstag, 10. Oktober 2009

Korallenschnorcheln, zeichnen und surfen






Ich bin immer noch in Bundaberg, immer noch „in the sticks“, also ein gutes Stück weg von Läden und Internet. Es ist schon seltsam- hier fühlt es sich recht nach einem Zuhause an. Früh aufstehen, umgraben, anpflanzen, einen Hennenverschlag bauen. Und nach ein paar Tagen habe ich eine kindliche Freude, wenn die Kräuter und Karotten einen Millimeter grün zeigen und meine mittlerweile fünf Hühnchenkinder das erste Mal herumfliegen und offensichtlich ihren neuen Freiraum geniessen.
Freiraum hab ich mir auch gegönnt- wenn ich schon so brav hier wwoofe, so sollte ich dennoch was von der Gegend sehen. Grund meiner Reise in den Norden der Ostküste war, das Great Barrier Reef zu sehen. In der Gegend um Bundaberg trifft das Riff auf die Küste, oder fast. Nach kurzen Erkundigungen fand ich heraus, dass es hier eine kleines Inselchen zu besichtigen gibt, das von Korallen umgeben ist. Mit einem Boot kann man zu Lady Musgrave Island schippern und dort den Fischen in die Korallen folgen. Man kann auch zu Lady Elliott Island fliegen, das ist aber bedeutend teurer und aus meiner Sicht unnötig.
Ich habe mich für einen Tagesausflug nach Lady Musgrave enntschieden. Dort hätte man auch wunderschön campen können, aber ich hatte keine Lust den doppelten Fahrpreis von 165 Dollar zu zahlen. Plus 4 Dollar Campinggebühr, pah! Auf dem Hinweg ging es ein wenig rund an Bord. Die bibbelnden ca. 40 Asiaten wurden grün und grüner im Gesicht und machten meist mehrfachen regen Gebrauch der Spucktüten. Ich werde älter und mir war auch etwas mau, allerdings entschied ich mich für ein kleines hilfreiches Nickerchen, gepaart mit dem Mantra „Seekran sind nur Schwächlinge“. Man legte vor der Insel an und fuhr mit einem Glasbodenboden weiter über Korallen und Schildkröten, was einen guten Vorgeschmack aufs Schnorcheln gab. Die Insel ist 17 Hektar gross und rundum ist Korallenstrand. Man darf kein Stückchen mitnehmen, was ich Schlimme in ein winziges Stückchen weisse, knochenähnliche Koralle uminterpretiert habe. Das lag da herum, ohne offensichtlichen Gebrauch für Tier und Pflanzenwelt und ich konnte nicht wiederstehen. Mein eigener illegaler Zentimeter Insel. Es gibt dort auch böse kleine Krabben: ein Biss von ihnen aus einer hübschen Schneckenmuschel heraus und man darf auf einen 4000 Dollar teuren Helikopterflug ins nächste Krankenhaus hoffen oder man kann die letzten 4000 Dollar seines Lebens sparen. Ansonsten sind dort nur laute und viele fluglose Vögel, die es aber immerhin bis auf die Bäume schaffen. Irgendwann konnten sie mal fliegen, auf der Insel haben sie es aber aufgegeben. Auf der Insel wachsen Pisoniabäume, die sehr leicht in Stürmen umfallen. Sie haben klebrige Blüten, mit denen sie die Vögel fangen, die dann verhungern und als Dünger in den Boden eingehen. Erstaunlich. Der beste Teil war nicht das Mittagsbüffet, sondern die Schnorchelei. Ich war zweieinhalb Stunden im Wasser und einfach nur fasziniert. Bleistift- und Tintezeichnen macht sehr viel Spass, aber nach diesem Ausflug brauchte ich Farben, Wasserfarben für all die Fische. Alle Grundfarben und zahllose Mischfarben, fröhliche und distinguiert scheinende zwischen farbigen Korallen und Seesternen. Sie scheinen nicht weiter gestört von der Anwesenheit der Menschen und kommen zum Greifen nah. Schade, dass ich keine Unterwasserkamera habe, um schummrige Photos zu schiessen, die dann doch nur ich schätzen würde. Das Wasser ist klar, blaugrün, türkis. Die Asiaten waren wieder eine Freude, trauten sich nicht recht ins Wasser oder wackelten aufgeregt auf dem Absprungplatz herum, tauschten Flossen, Maske und Schnorcheln ungefähr so oft wie die Spucktüten und fanden ständig Grund zu den kontinenttypischen Kichereien. Erstaunlich. Die letzte kleine Lästerei: drei Minuten vor Ende der Fahrt bildeten sie eine lange Schlange vor der Toilette, die sie vorher weitgehend unbeachtet liessen und drängten munter und laut. Die Crew war nett, das Essen fein und ich war glücklich.
Richtig nett war auch der englische Busfahrer David. Ein weisshaariger Herr um die siebzig, den ich im Fahren mit mit viel Freude zeichnete. Er lebt auf einem Boot. Er meinte, ich könne jederzeit kostenlos mit ihm im Bus mitkommen, wenn ich in Agnes Water, 120 km von hier surfen wolle. Leihgebühr Brett mit Unterricht für vier Stunden 30 Dollar, da war ich dann schnell dabei. Die Fahrt war nett, wenn auch David frei hatte und ich von einem grummeligen und vom Leben gelangweilten ausgewanderten Kölner chauffiert wurde. Der Surflehrer ein witzelnder Sunnyboy, der gar nicht aufhörte uns auf die Schönheiten von Natur und Strand hinzuweisen, wohl um von den eigentlich nicht existierenden Surfwellen abzulenken. Immerhin hat er mir beigebracht, dass was ic bis dato gelernt habe, falsch ist. Der Strand war hübsch, ich sah hunderte Sandkrabben, die sich in den Sand wühlten, wenn ich des Wegs kam, einige Angler und Vögel und hatte einen Schwatz mit einem ausgezeichneten Pfeifer, der im ACDC Shirt von seinen Surfereien erzählten. Lange graue Haare, Zopf, er sagte was von Mediziner und ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Nein, gegen die Surfergemeinschaft kann ich nichts sagen. Nette, humorige und entspannte Leute, die gar nicht gleichgültig gegenüber den Menschen und der Natur scheinen.
Und dann war da noch das „Paint in“. Barbara, Robyns und mittlerweile meine Privatkunstlehrerin hatte eine Fahrt zu ihrer Tochter auf dem Lande organisiert. Sie hat dort ein grünes Holzhaus mit grossen Vogelgehegen, jungem Hund Jake, zwei wuscheligen Katzen und einem Mann, der nicht von meiner Seite rücken wollte. Sehr hübsch ist es dort, man merkt, sie lesen ihre aufgestapelten„Countryhome and Ideas“ Zeitschriften auch. Mittags wurden wir mit einem Eintopf und Brot versorgt, die in einem mit Holzkohle beheizten Loch drei Stunden gekocht wurden. Ich probierte meine neu erworbenen Aquarellfarben aus, die aber leider noch zentnerschwer auf meinem Papier liegen anstatt locker luftig, wie es sich gehört. Dafür ist nun mein Skizzenbuch wellig. Mit der Zeichnerei habe ich wirklich eine neue Leidenschaft entdeckt- nicht dass ich nicht schon die ein oder andere hätte- und ich bin begeistert von Carbon- und weichen Graphitbleistiften, vor allem aber von der Tinte und Conté crayons. Am meisten Spass macht es Leute zu zeichnen. Beim Malausflug waren wir zu zehnt, zahlten nur die zehn Dollar fürs Essen und jeder sass in irgendeinem Eckchen und nach einer Weile stellten wir die Skizzen und Kleinwerke vor. Meine Mitmaler sind meist im Rentenalter und mit viel Liebe am Werk. Ich werde zusehen, mehr über Karikaturen zu lernen. Es ist erstaunlich, wie anders ich die Dinge nun anschaue- auf Proportionen und Winkel, Biegungen und auch Bewegungen. Escher, O'Keefe, Rembrandt, Goya, Van Gogh und Hopper die Armen, dienen mir als Vorlage zu Detailkopien und ich sehe viel mehr, wie die Dinge gemacht sind und warum es so schwierig ist, genau diesen Stil zu malen. Ohne die Zeit, die ich mir hier genommen habe, hätte ich womöglich weiter an der Überzeugung festgehalten, dass ich im Kunstfach eher nutzlos bin. Mich auf einem Selbstporträt zu erkennen, war ein Schocker- liiiiiiiiii, das bin ja ich - wenn auch sehr verdriesslich.
Die Tage auf der kleinen Farm gehen ihren ruhigen Gang, meine fünf kleinen Küken Donald, Daisy, Tick, Trick und Track werden mächtig gross, die Hunde gehen mit mir mit wahrem Enthusiasmus laufen, ich hebe tiefe Löcher aus und freue mich, wenn meine Karotten, Frühlingszwiebeln und Kräuter so herrlich gedeihen. Wir brauchen fast nichts vom Supermarkt- ein bisschen Milch und Butter, Mehl fürs Brot und Limonade und Tee für Leo. Das Leben von den eigenen Erzeugnissen gefällt mir sehr und ich fühle mich fit und gesund bei soviel guter Nahrung. Fünf Wochen Bundaberg und kein schlechtes Leben!

Mittwoch, 23. September 2009

Urlaub bei den Kreationisten






Wieder einmal hatten wir mächtig Glück. Leo wollte Saisonsarbeit in Angriff nehmen und auch ich habe wirklich nichts gegen den Ausbau meiner Reisekasse. So rief ich herum, es gibt eine Telefonnummer für Leute, die pflücken wollen. Von dort wurden wir nach Bundaberg geschickt, vier Stunden nördlich von Brisbane an der Küste gelegen. Nach Brisbane wurden wir von Injune mit Freunden unserer Farmer chauffiert, die in Brisbane leben. Ich war recht begeistert, mal wieder in eine Stadt zu kommen. Brisbane ist gut zu Fuss zu erkunden, hat ein vielseitiges Wissenschaftsmuseum mit Naturkundeteil und einem spielerischen Erkundungsteil, in dem Leo die Schwerkraft zu bezwingen schien, Hebel kennenlernte, Blitze erzeugte; gegen Weltklasseläufer rannte und Foucaults Pendel anschaute. Opshopwandern, ein Mittagessen bei den vegetarischen Hare Krishnas, Buchläden, neu und alt, Kunst geguckt und ein Zeichenbuch gekauft und am nächsten Tag ein Ausflug zum Koalaschutzzentrum und ich war glücklich, mal wieder in der Stadt gewesen zu sein. Die Koalas waren wirklch zu knuffig und Streichelkänguruhs haben mich in ein vor Freude hüpfendes Mädelchen verwandelt: sind die süüüüüüüss! Und natürlich erfuhr ich, dass es nicht gerechtfertigt ist, die Känguruhs zu erschiessen. Sie haben lange keine Pestanzahl und waren lange vor den Rinderbauern da.

Leo hatte so gar keine Lust mehr auf Brisbane und ich war zufrieden mit dem Zug nach Bundaberg zu fahren, nachdem sich eine Mitfahrgelegenheit nicht gemeldet hatte. 33 Dollar kostet das Zugfahren und man fühlt sich wie im Flieger mit Sicherheitsinstruktionen, Film, Klimaanlage und Dämchen, die einem Wasser und Snacks vorbeibringen. Billiger können wir nur mit unseren ergaunerten Auto- und Lkwfahrten reisen.

In Bundaberg wie zuvor in Brisbane hatte niemand eine Couch für uns frei, so dass wir sofort die Hostels abklapperten. Neunzig Prozent aller Rucksacktouristen, heisst es, seien Arbeiter und die Hostels organisieren Arbeit. Leider war da aber weder Arbeit noch ein Doppelzimmer und wir telefonierten mit Leuten aus unserem Wwoofbuch. Auch die waren voll. In einem Hostel fand ich ein altes Wwoofbuch mit der Nummer von Rolf und Robyn Vollmer, bei denen wir nun schon fast drei Wochen logieren, Unkraut jäten, Bananen düngen, kochen und herrlich leben. Heute legten wir einen Kräutergarten an, was bei aller Arbeit eine sehr befriedigende Erfahrung war. Es ist wie ein Urlaub von der Reise in einem kleinen Paradiesgarten, naja, 340 acres, nicht ganz so klein... Ich habe meine alte Leidenschaft fürs Bleistiftzeichnen ausgegraben und bin damit mächtig beschäftigt. Ich mache täglich Fortschritte und merke, dass es wirklich vor allem an der Übung liegt und nicht am Talent. Robyn und Rolf sind sehr nett. Sie ist 65, er ist 71 und sie sind streng gläubig. So streng, dass wir nicht in einem Zimmer schlafen dürfen, was für mich den entschiedenen Vorteil hat, dass ich die Nächte unbeschnarcht durchschlafen kann. Sie sind Kreationisten, glauben, dass Homosexualität eine heilbare Krankheit ist und reden viel vom Herrn. Nach einmaligem Kirchen- und Bibelkreisbesuch wars mir genug. Das Gute ist, dass sie uns in Frieden lassen. Das Anwesen ist herrlich, sie essen wunderbar vegetarisch mit Bio- Passionsfrüchten, -Bananen, -Erdbeeren, -Orangen, die ich täglich im Dutzend zu unserem Genuss presse, wilden Tomaten und anderen Gemüsen. Es werden Pläne für ein vegetarisches Restaurant mit Unterkunft auf dem Anwesen mit Leo geschmiedet. Wie immer will ich das erst mal sehen. Leo malt Holz bunt an, ich zeichne und lese in der freien Zeit. Toll sind die vielen Tiere hier: Acht leider nicht reitbare Pferde springen übers Anwesen, viele Hühner legen viele Eier und ich kümmere mich um die drei ganz kleinen Hühnchen. Zum Laufen habe ich die Begleitung der Hündin Pearly, die mich mächtig motiviert, wenn sie durchs Gebüsch springt oder Wassertropfen im Teich fängt. Die Truthähne krähen mich in der Früh um sechs wach, die Cane Toads quaken des Nächtens und die grünen, rotäugigen Frösche besuchen uns am Abend. Grosse, wirklich grosse Echsen sausen herum, richtig grosse Grashüpfer hüpfen dazwischen. Und dann ist da noch das Schaf und die Ziege, die ihr Gnadengras zu pflücken scheinen.

Meine Karriere als Zucchinipflücker endete so schnell ich sie begann: ein Tag und gut wars. Die Nummer des dubiosen Clans fand ich an einem Anschlagbrett in Bundaberg auf dem Campingplatz: Pickers wanted. Call Dan. Angerufen, für den nächsten Tag in der Früh um dreiviertel sechs ausgemacht. Erst wartete ich zwei Stunden, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen. Das Feld war aber schon geerntet und wir machten uns zu einem anderen auf. Das schien allerdings auch schon abgeerntet zu sein. Das hat unseren bulgarischen Supervisor wenig irritiert. So schnitt ich in zwei Stunden dreieinhalb Eimer Zucchini, nicht zu gross und nicht zu klein, nicht zu gebogen, nicht weich und nicht schrumpelig und bitte ordentlich eingeschlichtet. Nicht schlecht. Ein Eimer trägt mir zwei Dollar fünfzig ein, fünf Dollar wollten sie mir für den Transport berechnen. So habe ich im Schweisse meines Angesichts zwei Dollar fünfzig verdient, die ich, so ich sie auf wundersame Weise jemals erhalten sollte, in einen halben Becher Joghurt bei Aldi umsetzen könnte. Um mich her wurlten zehn Asiaten mit schockierendem Englisch, vermummt, dass man eher an eine Terrorattacke denn an Gemüseernte dachte. Der junge Brite, an den ich mich hielt, schaute nur recht ratlos. Ausserdem habe ich gelernt, dass mein Cowboyhut und lange Ärmel ein guter Anfang sind, dass lange Hosen oder Kniestrümpfe der Sache aber die Krone aufsetzen würden, da ich dann keine schrecklich verkratzten Beine hätte.

Wir wollen immer noch ein wenig weiter in den Norden und bewerben uns online für Jobs und rufen neue Wwoof Gastgeber an. Eigentlich ist es doch sehr schön, wo wir gerade sind und wir sind gar nicht so wahnsinnig motiviert, wieder weiterzuziehen- heute hier, morgen dort. Ansonsten hat mich die „travel bug“ weiter fest im Griff. Da gibt es noch Kanada und Afrika und Südamerika und die Nudistencamps in Australien...Ich bin recht zufrieden mit meiner Reiserei und vermisse wenig. Laufen, lesen, reden, lieben, zeichnen, schreiben. Ein guter Freund wär gut. Ein Spieleabend. Eine gute, fachliche Diskussion. Mehr klassische Musik. Aber dann guck ich wieder in die Bananenstauden, die drei kleinen Küken zwitschern neben mir. Und irgendwie bin ich glücklich.